Shanties, Seasongs und Seemannslieder


Von Paul Häseler ehemaliger Musikalische Leiter

 

Historie

Wer sich in der heutigen Zeit mit diesem Thema befassen möchte, kommt an Öffnet externen Link in neuem FensterStan Hugill nicht vorbei.

Hugill war Engländer und fuhr seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts zur See. Er hat Kap Horn auf einem Windjammer umfahren und den Schiffbruch eines Viermasters überlebt. Er galt mit seinen Publikationen als Experte für die Kulturgeschichte der Seefahrt und er gehörte selbst zu den „alten Fahrensleuten“, die mit der gleichen Sicherheit ein Tau spleißen, mit der sie auch ihr „Garn spinnen“. Er starb im Jahre 1992 in Wales und mit ihm auch der letzte echte Shantyman. Sein Buch „Windjammerlieder“ (deutsche Ausgabe/Verlag Claassen) ist das Buch für jeden, den Poesie und Romantik der letzten Großsegler auf den Weltmeeren angerührt haben. Es ist ein Buch für alle, die diese halbvergessene Welt in ihren Liedern noch einmal erleben möchten und was für ein Leben das eigentlich war, als diese herrlichen Schiffe noch in ihrer Wolke von weißen Segeln fuhren und als Handel auf den sieben Meeren noch hieß: sich hinüber blasen zu lassen…. oder auf den Grund des Ozeans zu sinken.

Für die „lustige Teerjacke“, Janmaat, “den Mann vor dem Mast“ – für den einfachen Matrosen war dieses Leben kurz, einsam und freudlos, wenn man von drei Dingen absieht : dem gelegentlich fürchterlichen Besäufnis, den Mädchen in der Hafenstadt und dem immer gegenwärtigen Trost seiner Lieder.

Also sang der Seemann seine Shanties : kurze, abgehackte, lautmalerische Gesänge, die seiner Arbeit den Rhythmus geben sollten, oder längere, balladenartige Lieder, mal frech, mal lustig, mal sehnsüchtig und voller Verlangen.

Die literarische Forschung liefert uns die erste Andeutung von seemännischen Arbeitliedern in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Ein deutlicherer Hinweis auf das Singen von Arbeitsliedern beim Holen eines Taues – was die Seeleute später „Shantying“ nannten, stammt von dem Dominikanermönch Felix Fabri aus Ulm, der 1493 auf einer venezianischen Galeere nach Palästina segelte.

Die älteste Quelle, die erstmalig regelrechte Shanties enthält, findet sich in einem schottischen Buch aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Hier werden zwei Gesänge zum Ankerhieven, ein Buhlienshanty und drei Holgesänge zum Heißen der unteren Rahen aufgeführt.

Von  1550 bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts waren Shanties weitgehend aus dem Bordleben verschwunden.

Die Blütezeit der Shanties

Die eigentliche Blütezeit der Shanties und Seemannslieder beginnt mit dem 19. Jahrhundert. Nach dem Ende der napoleonischen Kriege und mit dem Beginn der Industriellen Revolution wurden Europa und Amerika nach dem Streben von Schnelligkeit ergriffen. Der amerikanische Goldrausch verstärkte das Verlangen nach immer schnelleren Schiffen. Erste Liniendienste wurden eingerichtet.

Das ging zusammen mit mehr und mehr durchorganisierten Arbeitsabläufen an Bord. Und dazu brauchte der Öffnet externen Link in neuem FensterSeemann die den Arbeitvorgang unterstützenden Gesänge, die von dem Shantyman, dem Arbeitseinsatz angepasst, angestimmt wurden.

So entwickelten sich Shanties an der Ankerwinde (Capstan), zum Heißen der Segel (Fall -/ Halyardshanties), zum Ziehen von Tauen über das Deck (Walkawayshanties), zum Bedienen der Pumpen (Pumpingsongs) und die Forebitters, die von den Matrosen auf den so genannten Forebitts (Poller) sitzend, aus Zeitvertreib oder Freude am Gesang gespielt und gesungen wurden.

Die Shanties, die von Öffnet externen Link in neuem FensterStan Hugill original zusammen getragen wurden, stammen aus fast allen seefahrenden, europäischen Ländern und natürlich aus Amerika.

Während Hugill nur die Melodie und den Text aufführte, finden sich später in maritimen Liederbüchern bearbeitete Fassungen, die das Spielen und Singen erleichtern sollen. Dass bei Vergleichen Melodie und Text sich oft erheblich unterscheiden, liegt an den unterschiedlichen Quellen, aus denen die Lieder stammen. Denn viele wurden in ihrer Zeit von Schiff zu Schiff weitergereicht und immer wieder verändert.

Unstrittig ist, dass die arbeitsunterstützenden Gesänge als originäre Shanties anzusehen sind. Aber spätestens dann scheiden sich die Geister. Lieder, wie Shenandoah, The yellow rose of Texas, The Ebenezer oder der Hamborger Veermaster sind Lieder dieser Zeit. Sie erzählen Geschichten von Liebe und Leid, Abschied und Wiederkehr, Vorgängen an Bord oder an Land, von den Ozeanen und aus fremden Ländern. Viele dieser Lieder haben mit Seefahrt überhaupt nichts zu tun. Dennoch werden sie als Shanties (Forebitters) akzeptiert, weil sie ein Produkt ihrer Zeit sind.

Wären die Matrosen heute mit solchen Schiffen unterwegs, sie würden sicherlich Lieder unserer Zeit mitbringen.

Seemannslieder

Und dann ist da noch die nicht enden wollende Fülle von Liedern, die entweder aus Vorliebe für dieses Genre oder zum Zwecke des Geldverdienens von Komponisten und Textern verfasst wurden. Diese Lieder bezeichnet der Kenner der Szene gern als Seemannslieder. Hier gilt es besonders zu unterscheiden zwischen Kompositionen, die dem Genre inhaltlich und musikalisch entsprechen und vielen unsäglichen Machwerken, von denen man besser die Finger lässt.

Das Akkordeon

Zum Schluss dieser Betrachtung ist auch noch etwas über ein Instrument zu sagen, das hier einen sehr hohen Stellenwert hat: das Akkordeon. Das Instrument hat seinen Namen von den Akkordführenden Knöpfen auf der Bassseite (Grundakkord, Dominante, Subdominante, Septime, Vermindert, Moll etc.) Schon Mitte des 19. Jahrhunderts waren brauchbare Instrumente auf dem Markt. Sie waren nicht nur polyphon sondern, was besonders wichtig war, leicht transportabel. Der Begriff des Schifferklaviers war geboren.

Nun ist es sicher irrig zu glauben, dass der Shantyman, wenn´s an die Arbeit ging, erst sein Schifferklavier rausholte. Hier wurde a capella gesungen und damit auch Druck gemacht.

Anders bei den Forebitters. Da wurde auch musiziert und zwar mit allen Instrumenten, die zur Verfügung standen Öffnet internen Link im aktuellen Fenster( Schifferklavier, Fiddle, Banjo, Trommeln Öffnet internen Link im aktuellen Fensteretc.) Der oft erhobene Anspruch, das Akkordeon sei bei der Seemannsmusik das einzig vertretbare Instrument ist daher schlicht unsinnig. Genau so unsinnig ist es anzunehmen, dass die Seeleute ständig drei- und vierstimmig gesungen haben. Hier sollte man wirklich auf dem Teppich bleiben.

Die Musik der Bodensee-Shantymen

Die Bodensee Shantymen sehen sich verpflichtet, eine Musik anzubieten, die der Tradition verpflichtet ist und aus dem riesigen Angebot der Seemannslieder die auszuwählen, die uns Freude geben und unser Publikum ansprechen.

Wer will schon vor leeren Sälen spielen!

Und da wir nun mal am Bodensee zu Hause sind, müssen auch Lieder aus der Region dabei sein. In unserem Repertoire sind im Augenblick über 100 Lieder, von denen etwa 20 Prozent in Englisch sind. Da viele unserer Zuhörer der englischen Sprache nicht mächtig sind, wird der Inhalt dieser Lieder von mir vorher erläutert.

Wir haben zurzeit 25 Sänger und Musiker, die mit viel Schwung und Engagement dabei sind. Zwei Akkordeons, drei Gitarren, E-Bass, Congas, Duddelsack, Geige, ein elektronisches Schlagzeug und verschiedene „Räppelchen“, die nach Bedarf eingesetzt werden, bilden das instrumentale Rückgrat.

Sänger und Instrumente sind bei unseren Konzerten und Auftritten voll durchmikrophoniert und bilden dank einer erstklassigen Gesangsanlage einen klaren und druckvollen Sound.

Viele Shantychöre sind stolz darauf, über 40 - 50 Sänger zu verfügen. Die Bodensee-Shantymen beschränken sich jedoch bewusst auf ca. 25 Mitglieder, weil wir der Auffassung sind, dass mit einer kleineren Zahl von Sängern wesentlich interessanter, beweglicher und qualitativ hochwertiger musiziert werden kann als mit einem großen Ensemble. Aber das ist Auffassungssache.

Aus unserem Repertoire sind etwa Öffnet internen Link im aktuellen Fenster80 Lieder auf CDs zu hören.

Und wenn wir uns heute etwas wünschen dürfen so wäre unser Anliegen, dass jüngere Öffnet internen Link im aktuellen FensterSänger oder Musiker zu uns stoßen möchten, damit dieses herrliche Liedgut der Nachwelt erhalten bleibt und wir mit unserer Musik die Menschen noch lange erfreuen können.

Anmerkung :

Der Beitrag enthält Auszüge aus dem Buch „Windjammerlieder“ von Stan Hugill.